Erzählen ist meine Kunst!

Zuhören wird zum Genuss!

Die Kassette

Ein Mann und eine Frau, die schon alt waren, lebten in einem Haus am Wegrand. Sie waren arm und verdienten ihr Leben mit Landarbeit. Reich wurden sie davon nicht, denn sie mussten an ihren Herren hohe Steuern zahlen. Der lebte davon wie die Made im Speck und scherte sich nicht um die Not der anderen.
Eines Tages, als die beiden Alten nach Hause gingen, fanden sie am Wegrand eine Kassette, die gewiss aus einem Reisewagen gefallen war. Sie nahmen sie mit nach Hause. Als sie sie öffneten, fanden sie, dass die Kassette bis zum Rande mit Gold- und Silberstücken angefüllt war.
»Das ist ein Vermögen wert und gehört sicherlich unserem Herrn«, sagte der Mann. »Er wird es auf einer Kutschfahrt verloren haben. So ein Pech, dass wir es zurückgeben müssen. Unser ganzes Dort könnte ein Jahr davon gut leben.«
»Ich denke gar nicht daran, es zurückzugeben«, sagte die Frau. »Wie viele Steuern müssen wir bezahlen, ohne dass der Herr sich um uns kümmert in Zeiten der Not. Wenn es gefordert werden sollte, werde ich einen Weg finden, es zu behalten.« »Ohhh!« erwiderte der Mann. »Hieße das nicht lügen und stehlen. Ich werde sagen, dass wir es gefunden haben. Das ist nur gerecht.«
»Gerecht ist gerecht und soll es auch bleiben«, erwiderte daraufhin die Frau. »Sag, was du sagen musst!«
Sie aber traf ihre Maßnahmen: Am folgenden Tag, sehr früh am Morgen, sobald sie aufgestanden waren, sagte sie zu ihrem Mann: »Wer weiß, wenn niemand die Kassette zurückfordert, sind wir vielleicht bald reich. Du kannst ja nicht einmal lesen und schreiben. Du musst in die Schule gehen, um es zu lernen, und gleich von heute morgen an.«
»Wie stellst du dir das vor? Ich in meinem Alter soll noch lernen? Die Schulbuben werden sich über mich lustig machen und mich für einen Trottel halten.«
Aber die Frau bestand so fest darauf, dass er schließlich nachgab. Sie machte ihm ein Frühstückskörbchen zurecht, wie für die Buben, die in die Schule gehen, und er zog los.
Als er abends nach Hause kam, wartete seine Frau schon auf ihn. Sie hatte Eierkuchen und Krapfen gebacken. Als sie ihn kommen sah, stieg sie schnell auf den Speicher und warf diese aus dem Bodenfenster hinaus. Der Mann glaubte nicht anders, als dass die Eierkuchen und Krapfen vom Himmel fielen und rief aufgeregt: »Frau, Frau, es regnet Eierkuchen! Frau, Frau, es regnet Krapfen!« »Na, dann iss doch, wenn du magst«, erwiderte sie.
Dann erzählte er, der Lehrer hätte ihn nicht hereinlassen wollen.  Die Schulbuben wären über seinen Frühstückskorb hergefallen und hätten sich über ihn lustig gemacht. Todmüde aß er die Pfannkuchen und Krapfen. Dann ging er zu Bett. Als er eingeschlafen war, legte seine Frau ihm ein Hühnerei ins Bett. Als er aufwachte, fühlte er, dass da etwas neben ihm lag, und er fand das Ei.
»Frau, Frau, das liegt ein Hühnerei in meinem Bett!« »Na, Alter, du machst wohl unsern Hühnern Konkurrenz, wenn du im Schlaf nun schon selber Eier legst!«
Einige Tage später kamen die Diener des Herren zu ihnen ins Haus und fragten, ob sie eine Kassette gefunden hätten. »Aber ja doch«, sagte da der Mann, »wir haben eine Kassette gefunden. Sie ist hier! Wir haben sie an dem Tag gefunden, bevor ich zum ersten Male in die Schule ging. Abends regnete es Eierkuchen und Krapfen, und in der Nacht darauf habe ich ein Hühnerei gelegt.«
»Du arme Frau«, sagten da die Diener, »wir sehen, welch großes Pech du hast, ist doch dein Mann ganz offensichtlich nicht ganz richtig im Kopf. Er scheint ja wieder in der Kindheit zu sein.«
Sie gingen fort, nicht ohne ihr mitleidig einige Münzen zu schenken. Die Frau aber teilte den Schatz aus der Kassette unter allen Dorfbewohnern gerecht auf. Denn gerecht ist gerecht.

Schwank aus Frankreich, in einer Erzählfassung von Xenia Busam Okt. 2022


Meine Bitte an all diejenigen, die die Geschichte gelesen haben:

Bitte kreuzen Sie an, was für Sie zutrifft. Danke!

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