Historie, Erzählkunst und Märchen in Ludwigsburg
*

Die Schatulle des Großvaters


Einst gab der Großvater seinem Enkel eine kleine hölzerne Schatulle und sagte: „Jeder Mensch, dem du begegnest, wird dir etwas geben. Manche schenken dir etwas, andere erteilen dir eine Lektion. Was immer es sein wird – bewahre es auf!“
Der Junge öffnete die kleine Schatulle – sie war leer!
„Was soll ich hineintun?“, fragte er seinen Großvater.
„Warte ab. Eines Tages wirst du verstehen“, antwortete dieser.
Die Jahre vergingen, und der Junge begegnete vielen Menschen.
Seine Lehrerin sagte ihm, dass er ein sehr kluges Kind sei. Sie machte ihm Mut, Dinge auszuprobieren, auch wenn er unsicher war, ob sie ihm gelingen würden.
Sein bester Freund brachte ihm bei, über sich selbst zu lachen, verrückte Dinge zu wagen und das Leben leicht zu nehmen.
Seine erste Liebe schenkte ihm das wundervolle Gefühl, jemand ganz Besonderes zu sein. Als sie ihn schließlich verließ, begriff er, dass er stark genug war, auch ohne sie weiterzuleben, obwohl er sich das zuvor niemals hatte vorstellen können.
Der Freund, der ihn betrogen hatte, lehrte ihn eine Lektion über das Vertrauen: Ein gutes Herz zu haben ist wichtig, doch man sollte es einem anderen Menschen mit Bedacht schenken.
Sein erster Chef war rücksichtslos und arrogant. Nichts war jemals gut genug. Er lehrte den jungen Mann, dass man nicht der Anerkennung eines anderen hinterherlaufen muss, wenn dieser sie einem ohnehin niemals schenken wird.
Viele Begegnungen hatten sein Leben bereichert. Sie hatten ihn gelehrt und ihm Geschenke mitgegeben.
Es gab jedoch einen Menschen in seinem Leben, mit dem er nie Frieden hatte schließen können: seinen Vater. Dieser hatte immer gearbeitet und war stets mit irgendetwas beschäftigt gewesen. Selbst wenn er zu Hause war, schien er in Gedanken weit fort zu sein. Der Junge hatte sich immer einen anderen Vater gewünscht – einen, der ihm zugewandt war.
Eines Tages lief sein eigener kleiner Sohn voller Freude zu ihm und rief: „Papa, spielst du mit mir?“
Da blickte der Mann auf seine Arbeit und dann zu seinem Sohn. Plötzlich wusste er ganz genau, wie es sich anfühlte, ein kleiner, erwartungsvoll glücklicher Junge zu sein, der gesehen werden wollte.
In diesem Augenblick begriff er: Sein Vater hatte ihm die wichtigste Lektion seines Lebens erteilt – wenn auch nicht auf die Weise, die er sich als Kind gewünscht hätte.
An diesem Abend erinnerte er sich an die kleine hölzerne Schatulle, die sein Großvater ihm einst geschenkt hatte. Er suchte im Schrank und fand sie ganz hinten, vollkommen verstaubt.
Behutsam öffnete er sie. Sie war noch immer leer. Und doch war sie nicht leer.
Er erkannte …
… die Stärke, die seine Lehrerin ihm mitgegeben hatte,
… das Lachen seines Freundes, das ihm Lebensfreude geschenkt hatte,
… sein gebrochenes Herz, das ihn Mitgefühl gelehrt hatte,
… den Betrug, der seinen Blick geschärft hatte,
… die Grausamkeit seines Chefs, die ihm den Mut gegeben hatte, zu gehen, wenn es an der Zeit war,
… die Abwesenheit seines Vaters, die ihm gezeigt hatte, wie wichtig es ist, da zu sein.
Er blickte in die leere Schatulle und lächelte. All die Jahre hatte er geglaubt, etwas sammeln zu müssen. Nun begriff er, wie reich beschenkt er worden war. Es waren nicht immer Menschen gewesen, die er sich ausgesucht hätte. Es waren Begegnungen gewesen, die ihn glücklich gemacht oder verletzt hatten. Doch von jeder einzelnen hatte er etwas gelernt.
Und auch wir lernen: von denen, die uns geliebt haben, von denen, die uns Mut gemacht haben, und ebenso von denen, die uns enttäuscht und verletzt haben. Manche zeigen uns, wie wir werden möchten. Andere zeigen uns, wie wir niemals sein wollen.
Das Wunderbare daran ist: Wir entscheiden selbst, was wir in die Schatulle unseres Lebens legen. Nur wir allein entscheiden.



Meine Bitte an all diejenigen, die die Geschichte gelesen haben:


Um keinen Termin mehr zu verpassen und  einmal im Monat ein Märchen zu erhalten, das Sie überrascht, amüsiert oder berührt, 
können Sie sich hier für die Märchenpost anmelden.

Sie kennen einen Menschen,
dem Sie mit Märchen eine Freude machen können?
Erzählen Sie von meiner Märchenpost oder
schicken Sie diese einfach weiter!

"Denn das Erzählen lebt davon,
dass über das Erzählen erzählt wird!"

Und nun wünsche ich Ihnen eine gute Zeit,
bis wir uns vielleicht demnächst (wieder-) sehen.
E-Mail
Anruf
Infos