Erzählen ist meine Kunst.

Zuhören wird zum Genuss.

Aus dem Alltag einer Erzählerin

Wenn man Hexen und Rachegeister als Arbeitskollegen hat Text von Niklas Feil

 

Sie kramt in ihrem Korb und holt mehrere Friedhofskerzen heraus. In ihrer schwarzen Kutte wirkt die Frau wie eine Magierin. Die Kerzen werden eine nach der andere entzündet und dann an die Anwesenden verteilt. Die Gruppe folgt ihr vom Marktplatzbrunnen hin zur Kirche. Dort, in einer dunklen Ecke, versammeln sich alle und stellen die Kerzen in einem Kreis auf. Die Glocken fangen an zu läuten. Die Kirchenuhr zeigt 20 Uhr 30 an.


Die Frau in der schwarzen Kutte lehnt ihren Eichenstab mit der leuchtenden Spitze gegen die Wand. „Es gibt Frauen, die sich nicht mit einem Mann begnügen, sondern an jedem Finger fünf Männer haben. Ihr kennt das sicherlich?“, ergreift sie das Wort mit rauer Stimme und schaut den Anwesenden tief in die Augen. Dann fährt sie fort und beginnt, die Zuhörer in ihre Geschichte mit einzuspinnen. Mal spricht sie laut, dann wird sie leiser und wenn sie flüstert, rückt die Gruppe näher zusammen. „Einmal im Jahr, wenn ihr zur rechten Zeit in der Kirche seid, könnt ihr das irre Gelächter der Frau noch hören.“

So beendet Xenia Busam die Geschichte über das Bauernmädchen und den Racheengel. Die Gruppe applaudiert, Frau Busam verneigt sich und verteilt Flyer für ihre nächste Gruselführung.

 

Xenia Busam ist von Beruf Märchenerzählerin. Nicht für Kinder, sondern hauptsächlich für Erwachsene. Lange Zeit erntete sie für ihre Tätigkeit fragende Blicke. „Gegen die innere Vorgabe „Märchen gehören zu Kindern“ kommt man nur schwer an“, meint sie. Manchmal nennt sie sich nur „Erzählerin“, um nicht sofort in diese Schublade gesteckt zu werden.

Xenia Busams Arbeitstag beginnt um 8 Uhr in ihrer Wohnung in Ludwigsburg. Die Eingangstür ist mit einem Plakat geschmückt: „Märchenreich von Xenia“. Ihr kleines Arbeitszimmer wird von vielen Regalen vereinnahmt, in denen sich die Kisten aneinander reihen. 

Darin lagert sie die Dekoration für ihre Auftritte: Goldmünzen, samtene Stoffe und vieles mehr. Von ihrem Schreibtisch aus tätigt sie jeden Morgen die Büroarbeit: E-Mails prüfen, Homepage aktualisieren, Programme konzipieren, Kundenakquise, Märchen und Geschichten lernen oder an eigenen Märchen schreiben.

„Zieht, zieht!“, ruft Frau Busam in die Runde. Die Seminarteilnehmer lehnen sich nach vorne, strecken die Hände gen Boden und ziehen an der imaginären Rübe aus der Märchengeschichte „Das Rübchen“. Es ist 13 Uhr bei der AWO in Ludwigsburg.


Frau Busam hält ein Seminar - Märchen erzählen und verstehen lernen. Es ist für Personen, die selbst Geschichten vortragen wollen. 

In der Mitte des Raumes liegt ein rotes Tuch mit verschiedenen Märchensymbolen: ein Frosch mit goldener Kugel, ein in Stoff eingebundenes Buch und ein Rubinring.


Die Seminarteilnehmerinnen sitzen im Stuhlkreis um das Tuch herum. Es sind vor allem Lehrerinnen und Erzieherinnen, die Busams Seminar besuchen. „Männer gehen beim Thema Märchen eher auf Abstand“, meint sie. Aber auch diese kann Busam nach anfänglichem Widerstand mit ihren Märchen erreichen. Denn sie nutzt ihre Geschichten nicht nur für Führungen oder Seminare, sondern darüber hinaus bei ihrer Arbeit als Coach. Im Prinzip kommen in allen Märchen die alltäglichen Themen des Lebens zum Vorschein, meint Frau Busam: Tod, Abschied, Konkurrenzdenken oder Erwachsenwerden. „Die Themen, die in den Bildern der Märchen eingebunden sind, tauchen auch im Alltag auf, nur eben in einer anderen Form. Vielleicht ist es überhaupt kein Zufall, dass die böse Hexe eine gewisse Ähnlichkeit mit der eigenen Chefin hat. Die Märchenfiguren können einem dabei helfen, die eigene Situation aus einer anderen Position heraus zu betrachten“, sagt sie.


Die Nacht bricht herein, eine Gruppe von Menschen versammelt sich wieder am Marktplatzbrunnen. Die nächste Gruselführung steht an. Xenia Busams Arbeitstag neigt sich dem Ende zu. „Tretet näher, seid nicht so schüchtern. In der Nacht trifft man auf manch gefährliche Wesen. Wer mutig ist, der nehme jetzt seine Kerze und folge mir“, beginnt sie und verschwindet mit der Gruppe in der Dunkelheit der Gasse.


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